Positive Impulse für das Rollstuhl-Curling: Heike Melchior berichtet von den Paralympics in PyoengChang.

Friedberg (pm). Eine sehr intensive Zeit liegt hinter der Fachkraft im Betreuten Wohnen der Behindertenhilfe Wetteraukreis (bhw), Heike Melchior: Sie ist gerade von den Paralympics aus Südkorea zurückgekehrt. „In den zwei Wochen habe ich starke Eindrücke gewonnen und viel gelernt – über Wettkampfsituationen, über Teamarbeit und vor allem über mich selbst. Die Erlebnisse prägen mich“, erzählt die 50-jährige Rollstuhl-Curlerin.

Aufgrund einer schweren Krankheit ist Heike Melchior seit einigen Jahren querschnittsgelähmt. Sie ist eine Kämpfernatur und ein sehr positiver Mensch, der sich immer wieder zurückgekämpft hat. „Ich liebe meinen Beruf und wollte immer weiterarbeiten, auch in den schlimmen Krankheitsphasen. Ausgliederung aus dem Beruf war nie eine Option“, sagt Heike Melchior. Sie arbeitet seit 30 Jahren bei der bhw und betreut in Friedberg Menschen mit einer geistigen Behinderung. „Die Arbeit mit den Menschen hier macht so unglaublich viel Freude. Mit den Bewohnern im Herbert-Rüfer-Haus arbeite ich schon so lange, dass ich hier als ‚Mutti‘ gelte“, lacht sie. In ihrer Freizeit ist sie zum Ausgleich sportlich aktiv und viel mit dem Handbike unterwegs: „Da ziehe ich viele Blicke auf mich. Oft sind die Leute so überrascht, dass sie mich gar nicht grüßen. Bis sie registriert haben, was das für ein Gefährt ist, bin ich auch schon vorbei.“ Das Handbiken bringt ihr auch die notwendige Kraft und Ausdauer fürs Curling. Das hat sie bei einem Schnuppertraining des Rollstuhl-Club-Frankfurt (RSC)  für sich entdeckt: „Bis dahin kannte ich die Sportart nicht, die mich sofort fasziniert hat.“

Die Faszination für das Curling ist während der Paralympics in PyoengChang auch auf die andern Sportler übergesprungen. Anfangs eher belächelt schaffte es die „deutsche Wundertüte“ die Zuschauer zu begeistern, und erarbeitete sich den Respekt der anderen. Immer mehr Sportler feuerten das Rollstuhl-Curling-Team während seiner Spiele an. Das Interesse am Curling war schließlich so hoch, dass das letzte Spiel gegen die Finnen im Deutschen Haus auf eine Großleinwand übertragen wurde. Besonders beeindruckt war Heike Melchior von den Koreanern: „Die haben uns dafür gefeiert, dass wir das koreanische Team geschlagen haben“, erzählt sie. Korea ist ein Curlingland. Der Sport und die Mannschaft erfahren dort große Unterstützung. Trotzdem sind die Koreaner in der Lage, die Leistung des deutschen Teams anzuerkennen und sie zu bejubeln. „Das ist koreanisch“, erklärt Melchior. So habe sie die Menschen dort kennengelernt. „Sie sind sehr freundlich und hilfsbereit, wollen internationale Kontakte knüpfen und direkt die Sprache lernen.“ Hallo, bitte, danke und tschüss in allen Sprachen wären für die 5 800 Volunteers kein Problem gewesen. „Annyeonghaseyo (koreanisch für Hallo) habe ich auch gelernt“, lacht Melchior. Auch die Kontakte zu den anderen Paralympics-Teilnehmern fand die Rollstuhl-Curlerin spannend. In einer zur Dining Hall umfunktionierten riesengroßen Arena herrschte immer buntes Treiben. Dort traf sie auf Nationalitäten, die beim Curling sonst nicht anzutreffen sind, und Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Auch viele Sportler aus der deutschen Paralympics-Mannschaft konnte sie persönlich kennenlernen: „Ich habe Andrea Eskau getroffen und in die Augen geschaut: Die ist so klar und fokussiert. Eine echte Leistungssportlerin.“

Während Eskau sechs Medaillen mit nach Hause genommen hat, landete das deutsche Rollstuhl-Curling-Team nach fünf Siegen und sechs Niederlagen auf Platz 8 – punktgleich mit fünf anderen Teams. Nach den Siegen zu Beginn habe man von mehr geträumt, so Melchior. „Dann sind wir kurz gestrauchelt, haben uns wieder aufgerappelt und auf unserem Niveau gut gespielt. Wir sind oben angekommen, gehören zur Weltelite im Rollstuhl-Curling. Es ist möglich, die Topteams zu schlagen.“ Diese Motivation nimmt sie mit in die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Und mit dieser Motivation treibt sie den „Curlingweltfrieden“ voran. Heike Melchior setzt sich ein für bessere Trainingsbedingungen und die Einstellung eines Trainers. „Wir haben jetzt gemerkt, wie gut wir mit dem entsprechenden Team im Hintergrund sein können. Die haben alles für uns organisiert, die Tage durchgeplant, klare Strukturen geschaffen. Und noch wichtiger: Sie haben unser Team geformt, uns perfekt auf die Spiele vorbereitet und uns immer wieder auf den Punkt motiviert. So macht Leistungssport Spaß und so kann man auch dem Druck standhalten,“ erklärt die Rollstuhl-Curlerin. Auch wenn der Weg jetzt wieder von vorn beginnt, steht für sie fest: Die Paralympics in Peking können kommen.